Unternehmensbericht 25/26

ZUHAUSE NACHBARSCHAFT VERTRAUEN SICHERHEIT RESPEKT MITEINANDER GEMEINSCHAFT VERANTWORTUNG ZUKUNFT NACHHALTIGKEIT WEITBLICK Unternehmensbericht 25 / 26 INNOVATION LEBENSRAUM ANKOMMEN BESTÄNDIGKEIT WERTSCHÄTZUNG ENGAGEMENT FORTSCHRITT WAHRHAFTIGKEIT MUT EINBLICK

UNSERE VISION

Wir gestalten die nachhaltigen Quartiere der Zukunft – für ein lebenswertes Zuhause.

4 › vorwort ZUKUNFT ›

5 Vertrauen in Institutionen, in die Demokratie, in Nachbarschaften und in ein Zuhause, das Bestand hat. Wo Menschen in einem Quartier gut zusammenleben, man sich kennt und gegenseitig unterstützt, sehen wir Optimismus und Tatendrang statt Skepsis und Verdrossenheit. Wo die Gemeinschaft fehlt, Vereinzelung und Vereinsamung einziehen, geht oft auch das Vertrauen in Politik und Gesellschaft verloren. Wohnen darf nicht zum Luxus werden, vielmehr muss es als Fundament eines stabilen Gemeinwesens den Belastungen einer sich verändernden Welt standhalten und einen wesentlichen Beitrag zur Reduktion von Klimatreibern leisten. Die extremen Juni-Hitzetage, aber auch andere Extremwetterlagen der vergangenen Jahre haben uns einen kleinen Vorgeschmack darauf gegeben, was im Zuge der Erderwärmung zu erwarten ist. Ein großer Teil der Kohlendioxidemissionen, die den Klimawandel treiben, geht bekanntlich auf den Gebäudesektor zurück. Deshalb schöpfen wir alle Möglichkeiten aus, um das Ziel der Klimaneutralität bis 2045 in unserem Bestand zu erreichen, so etwa im Rahmen der laufenden energetischen Großmodernisierung im Wohnpark Schellenbeck. Dabei setzen wir unter anderem auf Energieeffizienz, Erneuerbare Energien, Begrünung, Eigenstromerzeugung. Überdies betrachten wir aus verschiedenen Richtungen die Potenziale von Zirkularität bei Neubau und Sanierung heute und morgen. Denn wir halten unser Versprechen an die Menschen in unseren Quartieren: Wir gestalten die nachhaltigen Quartiere der Zukunft – für ein lebenswertes Zuhause. Ihr Sedat Ugurman Während ich diese Zeilen schreibe, ist Hochsommer in Europa. Hatte man im verregneten, kühlen Frühjahr noch mildere Tage herbeigesehnt, mischen sich nun unter das Freibad-, See- und Strandglück auch ernst zu nehmende Sorgen – führt der Sommer doch zwei Entwicklungen vor Augen, die uns als Gesellschaft grundlegend fordern. Der Kontinent erlebt im Juni eine historische Hitzewelle; in Deutschland ist der Temperaturrekord für den Monat mit 41,3 Grad Celsius geknackt. Und: Das Statistische Bundesamt vermeldet, dass sich ein Fünftel der Deutschen nach eigener Einschätzung in den Sommerferien nicht einmal eine einwöchige Urlaubsreise leisten kann. Die Auswirkungen des Klimawandels und die soziale Lage sorgen für so manche Schweißperle auf der Stirn. 25 Prozent der Menschen in Deutschland leben in prekären Lebenslagen, 13 Millionen gelten als armutsgefährdet. Be- sonders betroffen sind nicht nur Erwerbslose, sondern auch Ältere, Frauen, Alleinerziehende und Kinder. In Wuppertal lebt mehr als jedes dritte Kind in einer Familie, die weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens zur Verfügung hat: Armut bedeutet weit mehr als materielle Not – sie führt zu gesellschaftlichem Ausschluss, mangelnder Teilhabe und eingeschränkten Zukunftsperspektiven. Aus dieser Lebenslage herauszukommen, wird laut Experten immer schwieriger. In einer zunehmend alternden Gesellschaft ist es deshalb nicht nur ein menschliches Gebot, sondern auch eine Überlebensfrage, heutigen wie auch nachfolgenden Generationen bestmögliche Startchancen und ein sicheres Zuhause zu bieten – darauf müssen Menschen vertrauen können. In Zeiten wie diesen ist das aufgrund politischer Vorgaben und wirtschaftlicher Krisen eine mehr als ambitionierte Aufgabe – und Vertrauen ein besonders hohes Gut. Verantwortung leben, Vertrauen stärken, Zusammenhalt festigen. SEDAT UGURMAN, AUFSICHTSRATSVORSITZENDER

6 ZUKUNFT › › vorwort Gemeinsam mit Mut und Pragmatismus. OLIVER ZIER, GESCHÄFTSFÜHRER Gerne würde ich an dieser Stelle berichten, dass sich die Rahmenbedingungen für die Wohnungswirtschaft spürbar verbessert haben. Stattdessen bremst die anhaltende Überregulierung auf nationaler und europäischer Ebene nach wie vor dringend benötigte Investitionen in Modernisierungen und Neubau aus. Zwar deuten erste Entscheidungen auf Verbesserungen bei der Regulatorik hin – für eine echte Trendwende braucht es jedoch eine Rückkehr zum guten und günstigen Bauen. Als kommunale Wohnungsbaugesellschaft mit Gemeinwohlorientierung können und wollen wir jedoch nicht abwarten, bis die notwendigen Reformen greifen. Wir arbeiten mit großem Engagement an verschiedenen Projekten – von umfangreichen Vorhaben wie dem Wohnpark Schellenbeck bis hin zur Modernisierung einzelner Wohnungen. Dabei verfolgen wir einen ganzheitlichen Ansatz und planen Investitionen so, dass die Balance zwischen sozialer Verantwortung, Klima- und Umweltschutz sowie wirtschaftlichem Erfolg gewahrt bleibt. Gerade unter den derzeit noch schwierigen Rahmenbedingungen kommt es auf Synergien und die enge Zusammenarbeit der Akteure an, die für bezahlbaren Wohnraum sorgen. Nur so können wir den vielfältigen Anforderungen an gutes und günstiges Bauen und Modernisieren gerecht werden. Denn wir brauchen beides: zukunftsfähige Bestände und Neubau, der Wohnraum schafft und Wohnformen bietet, die den künftigen Bedürfnissen der Mieterinnen und Mieter gerecht werden. Ohne die Nutzung von Fördermitteln wäre die Erfüllung der Nachhaltigkeitsziele – sozial, ökologisch und wirtschaftlich – nicht denkbar. Dazu braucht es Kapitalgeber und eine wirkungsvolle Förderlandschaft auf Landes-, Bundes- und EU-Ebene. Besonders wichtig ist die sehr gut aufgestellte öffentliche Wohnraumförderung des Landes NRW. Sie ermöglicht unter anderem die Transformation ganzer Quartiere, ohne unerwünschte Verdrängungseffekte. Auch die Bundesförderung der KfW leistet einen wichtigen Beitrag, auch wenn sich deren Förderbedingungen zuletzt deutlich verschlechtert haben. Ein positives Beispiel für die Wirksamkeit guter Förderkulissen ist das erste Haus in unserem Wohnpark Schellenbeck. Die vorhandene Bausubstanz konnte erhalten und in einen völlig neuen Zustand versetzt werden – sozusagen „from grey to gold“. Durch eine umfassende Modernisierung wurde die Energiebilanz des Hochhauses drastisch verbessert. Aber auch der Wohnwert konnte durch einen umfassenden Mix von Maßnahmen deutlich gesteigert werden. Allen voran stellen aber die neuen Panoramabalkone ein absolutes Novum für den Mietwohnungsbau dar und tragen dazu bei, dass sich die Menschen im Quartier das ganze Jahr über wohl in ihrem neuen Zuhause fühlen. Im Frühjahr feierten wir die Fertigstellung des ersten von vier Hochhäusern der Anlage und die Rückkehr unserer Mieterinnen und Mieter. Für die Modernisierung mussten sie ihr vertrautes Zuhause verlassen – mit der Zusage, nach Abschluss der Arbeiten wieder zurückkehren zu können. Dieses Mieterversprechen ist für uns eine Selbstverständlichkeit und Ausdruck unserer Verantwortung für ein gutes Zuhause. Unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben dabei Hand in Hand gearbeitet und die Bewohnerinnen und Bewohner persönlich begleitet. Unser Dank gilt den Menschen im Quartier, die allzeit konstruktiv mit uns den Weg durch den ersten Abschnitt dieses aufwändigen Projekts gegangen sind – im besten Sinne gemeinsam mit Mut und Pragmatismus. Ihr Oliver Zier

7

8 INHALT › › inhalt 02 – 09 Begrüßung und Vision. 12 – 15 Der große Blick auf das Quartier und darüber hinaus. 16 – 17 Neuer Beat fürs Quartier. 18 – 25 Quartiere lebenswert und zukunftsfähig machen. 26 – 29 Eine Partnerschaft für die Zukunft. 30 – 31 Mobilitätsgesellschaft. 32 – 35 Nicht an den Menschen vorbeiplanen. 36 – 37 Zuhause als Wirtschaftspolitik. 38 – 39 Heimat für alle bauen. 40 – 41 From Grey to Gold. Stadt und Quartier Inhalt › 10 – 41

9 68 – 71 Gemeinsam entwickeln wir Wuppertal. 72 – 73 Stadtentwicklung schafft den Rahmen. 74 – 77 Der Wuppertaler Hof. 100 Jahre Stadtentwicklung 78 – 83 Für Mensch, Stadt und Zukunft. 84 – 85 Mehr als nur Steine. 86 – 89 Stadtentwicklung durch moderne Arbeitswelten. 90 – 91 Impressum Stadt- entwicklung Quartiersentwicklung › 42 – 65 › 66 – 91 44 – 47 Von Förderbedarf und Förderunabhängigkeit. 48 – 53 Wohnpark Schellenbeck: Die Zukunft zieht ein. 54 – 55 Versprochen ist versprochen. 56 – 57 Weniger ist mehr. 58 – 59 Hauptsache Schellenbeck. 60 – 65 Wissen schaffen.

› stadt und quartier 10 Stadt und Quartier ›

11 GEMEINSCHAFT Ein Zuhause besteht aus mehr als Stahl und Beton – es entsteht durch die Menschen, die es mit Leben füllen. Wie wollen wir in Zukunft zusammenleben? Diese Frage steht im Zentrum von Quartiers- und Stadtentwicklung.

12 › stadt und quartier Das Zuhause ist nicht nur der eigene Raum für Rückzug, Geborgenheit und Erholung, für Zeit mit der Familie und Freunden. Zum ZuhauseGefühl gehören neben der eigenen Wohnung eine ebenso gute Nachbarschaft. GEMEINSCHAFT › Das Quartier ist als Kern nachbarschaftlichen Miteinanders der Ausgangspunkt für die gwg-Bestandsentwicklung – und damit auch für ihren Beitrag zur Stadtentwicklung. „Deshalb betrachten wir unseren Wohnungsbestand nicht isoliert, nicht bloß als einzelne Wohneinheiten oder einzelne Immobilien, sondern als zusammenhängende Quartiere“, sagt Daniel Köster, Ressortleiter Immobilienmanagement bei der gwg wuppertal. „Dies ist nicht in jedem Fall deckungsgleich mit der Quartierszuordnung der Stadt Wuppertal“, fügt Kösters Kollegin Laura Harnisch hinzu. Die gwg-Quartiersmanagerin erläutert weiter: „Für uns entstehen Quartiere dort, wo der eigene Bestand räumlich zusammenhängt und eine gewisse Dichte erreicht – in der Regel größere, siedlungsartige Strukturen, manchmal auch punktuell durchzogen von Fremdbestand.“ Als kommunales Wohnungs- bauunternehmen agiert die gwg wuppertal unter ihrem Leitsatz, der gleichsam Ansporn wie auch Versprechen ist: Wir gestalten die nachhaltigen Quartiere der Zukunft – für ein lebenswertes Zuhause. Wir betreiben unsere Quartiersentwicklung in Balance zwischen ökologischen Zielen, sozialer Verantwortung und wirtschaftlichem Erfolg. Nachbarschaften, in denen Menschen nicht nur wohnen, sondern gut zusammenleben, sind stabile Quartiere – sozial wie baulich.

13 Der große Blick auf das Quartier und darüber hinaus. Laura Harnisch, Referentin Quartiersmanagement.

14 › stadt und quartier Gute Quartiere der Zukunft. „Wir tun eine ganze Menge, um unsere Quartiere lebenswert und zukunftsfähig zu gestalten“, schildert Köster. „Die Palette an Themen und Handlungsfeldern, die wir bearbeiten, ist sehr vielfältig – von der Schaffung bezahlbaren Wohnraums und dessen technischer und baulicher Instandsetzung bis zur umfassenden Modernisierung über energetische Sanierung mit dem Ziel der Klimaneutralität, Barrierefreiheit, Grünpflege und Freilandgestaltung bis hin zur – teils kooperativen – Implementierung von Infrastruktur, wie sozialen Angeboten: Von Nahversorgung und Mobilität ist alles dabei. Und irgendetwas habe ich bestimmt vergessen“, lacht Daniel Köster. Eine Haltung, die Engagement nicht als Kostenfaktor begreift, sondern als Investition in die Zukunft: Wer in Gemeinschaft und damit in stabile Quartiere investiert, vermeidet nachgelagerte Folgeschäden, wie sie etwa durch Vandalismus verursacht werden. Soziale Stabilität und wirtschaftlicher Erfolg sind für uns keine Gegensätze – sie bedingen einander. Ein „Paradebeispiel dafür, wie ein soziales Projekt ein ganzes Quartier stabilisieren kann“, ist laut Daniel Köster der Bewohnertreff Oase in der Gustav-Heinemann-Straße, der als Gemeinschaftsprojekt mit der Diakonie Wuppertal entstanden ist und kooperativ mit der Stadt Wuppertal betrieben wird. „Wir sind überzeugt, dass unsere Investitionen zur Aufwertung unserer Quartiere nicht nur unseren Mieter:innen und somit uns zugutekommen, sondern auch Strahlkraft auf das unmittelbare Umfeld haben. Was wiederum auch gut für uns ist. Also eine Win-win-win-Situation“. Daniel Köster, Prokurist und Ressortleiter Immobilienmanagement. GEMEINSCHAFT ›

15 istisches Bild zu erhalten, das über den eigenen Tellerrand bzw. die eigene Liegenschaftsgrenze hinausgeht. Wenn wir über Nachbarschaft und insbesondere wenn wir über Nahversorgung und Mobilität sprechen, macht es keinen Sinn, vor unserer ,Haustür‘ Schluss zu machen. Wir berücksichtigen immer, was im weiteren Umfeld vorhanden und nutzbar ist, und gehen auf dieser Basis in Synergien und Kooperationen. Denn Angebote sollen dort entstehen, wo echte Nachfrage ist – oder wo man durch ein schlüssiges Konzept Nachfrage generieren kann. Wir möchten Entwicklungen anstoßen, vernetzen und Verantwortung für sie übernehmen. Wir verstehen uns als Akteur, der auch mal Themen auf die Agenda bringt und Kooperationen initiiert. Zum Teil auch dort, wo niemand sonst aktiv wird, das ist die aktiv gestaltende Rolle der gwg wuppertal. Wir verstehen uns als verlässlicher Partner der Stadt und Stadtgesellschaft – das ist ein Stück weit auch unser Auftrag. Funktionierende Quartiere entstehen im Dialog. Gute Absichten allein reichen nicht – ohne Steuerung laufen sie ins Leere. Sie müssen bedarfsgerecht und zielgerichtet umgesetzt werden. Dazu muss man wissen, was die Menschen im Quartier wirklich bewegt und was sie brauchen. Die gwg führt deshalb regelmäßig Kundenzufriedenheitsanalysen und quartiersbezogene Bedarfserhebungen durch – mit dem Ziel, konkrete Optimierungen daraus abzuleiten. Laura Harnisch beschreibt, wie Mieter:innen auch aktiv einbezogen werden – etwa jüngst bei Begehungen im Stadtteil Ronsdorf. Nachdem das gwg-Team das Quartier in Augenschein genommen hatte, konnten Bewohner:innen zu einer offenen Runde dazustoßen, um ihre Anliegen zu äußern und Impulse einzubringen. Die Ergebnisse münden in konkrete Maßnahmen – ob gegen Fremdparker, für besseres Abfallmanagement oder für neue Mobilitätsangebote. Dafür greift die gwg nicht nur auf die eigenen, sondern auch auf Daten externer Quartiersinformationssysteme zurück – um ein real-

› stadt und quartier 16 GEMEINSCHAFT ›

17 Die Hofaue – Entwicklung einer Immobilie, Entwicklung eines Quartiers. Wer heute durch die Hofaue in Wuppertal geht, spürt, was einmal war – und was wieder werden kann. Die Straße trägt noch die DNA ihrer mondänen Vergangenheit: Im 19. Jahrhundert war sie ein florierender Textilhandelsstandort mit viergeschossigen Gebäuden – hier lebten wohlhabende Bürger:innen und das Stadtleben pulsierte. Heute verbindet die Hofaue wichtige Ankerpunkte in Wuppertal-Elberfeld: Döppersberg, Hauptbahnhof, Innenstadt, Von der Heydt-Museum, künftiges Pina Bausch Zentrum. Mittendrin: ein Block, der lange für Leerstand und Verfall stand. Verleger und Universitätsprofessor Johannes Busmann will das ändern. Mit der Hofaue Grundstücks GmbH & Co. KG saniert er drei Gebäude des Blocks, die zusammen mit der gwg-Immobilie inklusive Kita im Eckbereich von Hofaue, Wesendonkstraße und Brausenwerther Gasse einen L-förmigen Riegel bilden. „Die Architektursubstanz hier muss man sich erarbeiten, sie wird einem nicht geschenkt“, sagt Busmann, der mit seinem Unternehmen in der Hofaue 63 sitzt – direkt gegenüber dem Projekt, das den Namen „Beatbox“ trägt. Eine Reminiszenz an einen Musikclub, der einst genau hier das Quartier befeuerte. Abseits dessen war die jüngere Vergangenheit weniger glänzend: Bordell, Table-Dance-Bar, jahrelanger Leerstand. Die „Beatbox“ soll dem Quartier wieder einen vitalen Herzschlag geben – mit 32 Wohnungen in den oberen Etagen, von Einzimmer-Apartments bis zu Penthäusern, für eine gemischte Gemeinschaft von Studenten über Ärzte bis hin zu jungen Familien. Vorrangig gehe es nicht um Vermarktung, so Busmann, sondern darum, eine Mieterstruktur zu etablieren, die mit den Erdgeschossaktivitäten kommuniziert und als Ganzes einen positiven Impuls ins Quartier gibt: „Dies ist ein Investment auf eine soziale und nicht auf eine ökonomische Rendite.“ „Inside-Out“: Kommunikation mit und im öffentlichen Raum. Damit das Innere des Erdgeschosses nach außen sichtbar wird, ist es von drei Seiten zugänglich – Hofaue, Brausenwerther Gasse, Wesendonkstraße. Schimmerlos zieht mit einem Deli ein, Talgut (Secondhand-Mode) ist bereits vor Ort, Das Fachl mit über 100 lokalen Anbietern sowie zwei Goldschmiedinnen folgen im Herbst. Gemeinsam belegen sie rund 600 m², innen verbunden. Große Fensterflächen geben Passanten den Blick frei; im Talgut schafft eine Empore zusätzliche Sichtachsen. Im Deli entsteht ein begrünter Naturstein-Patio, zur Wesendonkstraße hin ist Außengastronomie geplant. Die Kommunikation mit und im öffentlichen Raum soll wieder in den Fokus rücken: Menschen, die sich über den Weg laufen, mit einem Kaffee in der Hand stehen bleiben und sich unterhalten – urbanes Leben, das sich nicht verordnen lässt, sondern einfach passiert. „Überhöht gesagt ist es ein Versuch, Stadt zu heilen, eine seelische Erlebbarkeit von Stadt-Ort anzubieten.“ JOHANNES BUSMANN UNIVERSITÄTSPROFESSOR Neuer Beat fürs Quartier.

18 GEMEINSCHAFT › Das Wort Immobilie leitet sich vom lateinischen Begriff immobilis ab – wörtlich für „unbeweglich“ oder „feststehend“. Immobilien umfassen unbewegliche Güter wie Grundstücke, Gebäude oder Wohnungen, die mit dem Erdboden verbunden sind. Dies mag allenfalls aus materieller Sicht auf unsere Quartiere zutreffen – trotz aller Unbeweglichkeit bleiben sie keineswegs stehen. Denn die gwg wuppertal entwickelt ihre Quartiere fortlaufend weiter – sowohl baulich als auch sozial, damit Menschen dort gut leben können, heute und morgen. › stadt und quartier Laura Harnisch im Gespräch mit Matthias Keller, Referent Soziales Immobilienmanagement. Quartiere lebenswert und zukunftsfähig machen.

Zwei grundlegende Instrumente unserer ganzheitlichen Quartiersentwicklung sind, fest verankert in unserem Immobilienmanagement, das Quartiersmanagement und das Soziale Immobilienmanagement. Zwei unterschiedliche Ansätze, eine Haltung, ein Ziel: Wir übernehmen Verantwortung für unsere Mieter:innen und arbeiten auf zukunftsfähige, stabile Quartiere hin. Laura Harnisch setzt sich als Quartiersmanagerin der gwg wuppertal vorwiegend strategisch und eher im Hintergrund dafür ein, dass die Quartiere prosperieren, während ihr Kollege Matthias Keller, Diplom-Sozialarbeiter Referent Soziales Immobilienmanagement, im direkten Gespräch für ein gutes Miteinander sorgt und in schwierigen Lebenslagen Ansprechpartner für die Mieter:innen ist. Quartiere der Zukunft schaffen wir, indem wir unseren Bestand instand halten, modernisieren und an zeitge- mäße Standards anpassen sowie auf eine langfristige Aufwertung hinarbeiten. „Das ist sozusagen die „technische“ Seite“, sagt Laura Harnisch und verweist für die „zwischenmenschliche Seite“ an ihren Kollegen Matthias Keller. „Gutes Wohnen umfasst natürlich auch die soziale Dimension: die individuelle Lebenslage und das Zusammenleben mit anderen Menschen in einer Nachbarschaft“, sagt Keller. Denn demografischer Wandel, Migration und Integration oder neue Arbeitsformen verändern das Zusammenleben in den Städten. Familie und Beziehungen verändern sich; immer mehr Men- schen leben alleine. Durch Krankheit, Vereinsamung, Schicksalsschläge oder Erwerbslosigkeit bricht oftmals der Halt weg. Wir übernehmen auf vielfältige Weise soziale Verantwortung und sichern die soziale Stabilität in unseren Quartieren. Dabei sind wir für unsere Mieter:innen bei allen Anliegen persönlich da – mit handfester Unterstützung. Über allem steht das Ziel, bezahlbaren Wohnraum zu bieten. Wir wollen soziale Vertreibung vermeiden. Daher werden Großmodernisierungen, wie etwa im Wohnpark Schellenbeck (mehr dazu S. 48), immer auch mit sozialen Maßnahmen verknüpft. Ohne das Soziale Immobilienmanagement wäre es undenkbar gewesen, die Bestandsmodernisierung im Wohnpark Schellenbeck anzugehen. Da die Arbeiten im vermieteten Zustand aus technischen Gründen nicht durchführbar sind, müssen die Menschen etappenweise ihre Wohnungen verlassen. Betroffen sind auch Bewohner:innen, die beispielsweise krank, pflegebedürftig oder nicht mobil sind. Die Bewohner:innen der Siedlung an der Agnes- Miegel-Straße halten die Großmodernisierung überwiegend für erforderlich und sinnvoll, obwohl dies zumindest temporär damit einhergeht, dass sie aus ihrem Zuhause ausziehen müssen. Laura Harnisch verschafft sich regelmäßig systematisch ein genaues Bild davon, wie es in den Quartieren aussieht: 19

20 Soziale Verantwortung verankern. Ein besonders anschauliches Beispiel für ein solches Ergebnis ist der Bewohnertreff „Oase“ in der Gustav-Heinemann-Straße. Der Treff wurde bereits um die Jahrtausendwende als stabilisierender Anker im Quartier verortet. Das je zu einem Drittel von der gwg, der Diakonie und der Stadt Wuppertal kofinanzierte Projekt steht nicht nur für die fruchtbare Zusammenarbeit von Kommune, sozialem Träger und kommunalem Unternehmen, sondern auch für jene von Quartiersmanagement und Sozialem Immobilienmanagement der gwg wuppertal. Für das Quartier ist die Oase nicht nur ein Treffpunkt, sondern ein Ort der Vermittlung, Beratung und Konfliktprävention. Gerade weil dort niedrigschwellige Kontakte entstehen, kann das Quartiersmanagement früh mitbekommen, wenn sich Probleme abzeichnen. So greifen die Arbeitsbereiche von Laura Harnisch und Matthias Keller zum Wohle der Menschen ineinander. Befragungen und Begehungen aus dem Quartiersmanagement geben beispielsweise Hinweise darauf, wo Menschen vereinsamen oder ihren Alltag nicht bewältigen können. Dann übernimmt das Soziale Immobilienmanagement. Umgekehrt fließen Matthias Kellers Erfahrungen aus dem Einzelfall zurück ins Quartiersmanagement, wenn sich zeigt, dass eine Situation nicht nur eine einzelne Person, sondern eine ganze Hausgemeinschaft betrifft. So etwa wird auf den demografischen Wandel durch den Ausbau barrierearmer Wohnungen und spezieller Senioren-Service-Wohnungen reagiert. Die Probleme, mit denen sich die Mieter:innen an Matthias Keller wenden können, sind so vielfältig wie das Leben selbst. Ebenso breit gefächert ist auch das Unterstützungsangebot der gwg wuppertal – von Konfliktmanagement Wie ist der Zustand der Gebäude, technischen Anlagen, Außenanlagen? Wie zufrieden sind die Mieter:innen? Was fehlt ihnen? Wie möchten sie mit der gwg kommunizieren? Wie sind sie mobil? Mieterbefragungen, die gemeinsam mit dem Institut InWIS quartiersweise jährlich rotierend die Zufriedenheit und die Bedarfe der Bewohner:innen in den Blick nehmen, liefern zu diesen und anderen Fragen wichtige Erkenntnisse, aus denen das gwg-Team kurz- und langfristige Strategien zur Verbesserung der Quartiere ableitet. Dabei arbeitet die gwg auch mit sogenannten ZielgruppenPersonas, um die Bedürfnisse unterschiedlicher Mieterzielgruppen strategisch mitzudenken. Nach Auswertung der Mieter-Rückmeldungen prüft das gwg-Team anschließend bei Begehungen die Situation vor Ort. Wir schauen uns den Zustand der Außenanlagen, Treppenhäuser, Fassaden, Spiel- und Grünflächen an und begutachten die Sauberkeit und Pflege in den Quartieren. Die Beseitigung kleinerer Mängel, die währenddessen auffallen, beauftragen wir direkt, wie die Reinigung verschmutzter Fassaden oder Gehwege. Neben diesen sofortigen werden auch Maßnahmen für die nachhaltige Quartiersentwicklung aufgesetzt – so kommt die Pflanzung neuer Sträucher oder Bäume oder die Installation von Gehwegen und Spielgeräten auf die Agenda oder wir setzen Projekte beispielsweise zu Barrierefreiheit und Mobilitätsangeboten auf. Die Resultate kommunizieren wir über unsere Quartiersbriefe an die Mieter:innen, denn: „Wir befragen die Menschen aus gutem Grund. Es ist uns wichtig, dass sie wissen, dass wir ihre Anliegen ernst nehmen und was aus ihrer Teilnahme an der Befragung konkret entstanden ist“, fasst Laura Harnisch zusammen. › stadt und quartier GEMEINSCHAFT ›

21 um Sprachbarrieren, kulturelle Unterschiede und individuelle Bedürfnisse auffangen und gezielt helfen zu können. Man kann die Rollen etwas besser verteilen und vier Ohren hören auch mehr. „Ich sitze dann auch schon mal mit am Küchentisch und wir füllen gemeinsam Anträge und Formulare aus.“ Keller und seine Kollegen helfen und finden Lösungen, wenn Menschen ihren Alltag nicht mehr alleine regeln können – wo Post ungeöffnet liegen bleibt, Rechnungen Angst auslösen, wenn Krankheit oder Überforderung dazu führen, dass selbst einfache Dinge kaum noch zu bewältigen sind. „Das Wichtigste dabei ist, den Menschen auf Augenhöhe und mit Respekt zu begegnen“, fasst Matthias Keller zusammen. „Ich freue mich, wenn mir hinterher ein Mieter sagt: ‚Eigentlich hätte ich Sie gar nicht gebraucht.‘“ Vollmachten, Behördengänge, Anträge – das alles gehört zwar dazu, aber nicht als Dauerlösung. Die Philosophie dahinter: Hilfe zur Selbsthilfe, damit Menschen ihr Leben wieder selbst gestalten und in guter Nachbarschaft zusammenleben können, heute und morgen. über Mietschuldenberatung zur Vermeidung von Wohnungsverlusten über Nachbarschaftsprojekte und Mitmachaktionen zur Förderung des Miteinanders bis hin zu interkultureller Arbeit und Beratung älterer Menschen. Um gute Lösungen zu finden, arbeitet die gwg mit lokalen Netzwerkpartnern, der Stadt, sozialen Trägern wie der Caritas oder der Diakonie und anderen Fachdiensten zusammen – sei es, um beim Umgang mit dem Jobcenter zu helfen, altersgerechten Wohnraum zu finden oder einen Streit zwischen Nachbar:innen zu schlichten. Dabei setzt das Team der gwg auf Nähe und Erreichbarkeit: Hausbesuche macht Matthias Keller immer im Tandem mit einer Kollegin,

METHODEN DAS ZUSAMMENWIRKEN VON SOZIALEM IMMOBILIEN- UND QUARTIERSMANAGEMENT. SOZIALES IMMOBILIENMANAGEMENT: WIRKUNGSEBENE VERHALTEN Beteiligung Mieterbeiräte Stadtteilkonferenzen Förderung des Miteinanders Beobachtung im Qartier Unterstützung Beratung VERHALTEN 22 › stadt und quartier GEMEINSCHAFT ›

Befragung Bestandsanalyse Begehung Identifizierung von Handlungsfeldern Steuerung von Maßnahmen METHODEN ZIELSETZUNG EMPOWERMENT BEDARFS- GERECHTE QUARTIERE LEBENSWERTE QUARTIERE Identifikation von Bedarfen Gemeinsame Strategien Erfahrung aus der Einzelberatung QUARTIERSMANAGEMENT: WIRKUNGSEBENE VERHÄLTNISSE VERHÄLTNISSE 23

VOHWINKEL Stadtteilbüro „Vohwinkeler Feld“ In Wuppertal zu Hause. 24 5591 Wohnungen 1710 Stellplätze / Garagen 58 Gewerbeobjekte 6 Nachbarschaftstreffs › stadt und quartier 60 Quartiere gesamt 5 Quartiere mit Kinderbetreuung GEMEINSCHAFT ›

BEYENBURG LANGERFELD HECKINGHAUSEN RONSDORF CRONENBERG ELBERFELD ELBERFELD BARMEN OBERBARMEN Stadtteiltreff „A-Meise“ Caritas-Treff Nordstadt Bewohnertreff „Oase“ Nachbarschaftstreff Domagkweg Nachbarschaftstreff Röttgen UELLENDAHLKATERNBERG Service-Wohnanlage „An der Hardt“ gwg wuppertal, Geschäftsstelle Wuppertaler Hof Wohnpark Schellenbeck heidter carré 25

26 › stadt und quartier GEMEINSCHAFT › Von links: gwg-Geschäftsführer Oliver Zier, Andy Völschow (Leiter Kunden- und Quartierslösungen bei den WSW), Monika Nestorowicz (Referentin für das Quartiersmanagement bei der gwg), WSW-Vorstandsvorsitzender Markus Hilkenbach. Eine Partnerschaft für die Zukunft. Ein Schritt in die richtige Richtung – oder besser gesagt: 300 Schritte. Mit der Umsetzung des Projekts „300toZero“ wurden über 300 Wohneinheiten an eine deutlich klimafreundlichere und effizientere Wärme- versorgung angeschlossen. Das Projekt, das gemeinsam mit den Wuppertaler Stadtwerken umgesetzt wurde, ermöglicht eine jährliche Einsparung von rund 280 Tonnen CO2 und leistet damit einen wichtigen Beitrag zum Klimaschutz.

20.000 Nachhaltige Wärmeerzeugung für rund Quadratmeter Wohnfläche. 27 Kooperation für das Klima. Wuppertaler Stadtwerke und gwg wuppertal setzten im vergangenen Jahr eine Reihe gemeinsamer Projekte zur Dekarbonisierung der Wärmeversorgung um – in den Quartieren an der Bahnstraße, Hildburgstraße, Küferstraße, Unteren Lichtenplatzer Straße, Oberen Sehlhofstraße, Nibelungenstraße und am Hasnacken. So wurden in insgesamt 36 Wohngebäuden mit 331 Wohneinheiten die Wärmeerzeugungsanlagen modernisiert. Doppelt hält besser. Kern des Projekts ist ein hybrides Wärmepumpensystem: Die elektrisch betriebene Wärmepumpe übernimmt dauerhaft die Hauptrolle und deckt den Großteil des Heiz- und Warmwasserbedarfs. Nur wenn es draußen besonders kalt wird und zusätzliche Leistung gefragt ist, schaltet sich ein ergänzendes Erdgas-Brennwertgerät unterstützend hinzu. So bleibt die Wärmepumpe die tragende Säule der Versorgung – effizient, nachhaltig und wirtschaftlich. Eine intelligente Regelung sorgt jedoch dafür, dass jederzeit die klimafreundlichste und wirtschaftlich sinnvollste Energiequelle zum Einsatz kommt. Der konventionelle Kessel springt nur dann ein, wenn es wirklich notwendig ist – etwa zur Abdeckung von Spitzenlasten oder als zusätzliche Sicherheit an den kältesten Tagen im Jahr. Wärmewende ohne Abrissbirne. Die Hybrid-Lösung bietet gleich mehrere Vorteile: Sie ermöglicht eine schrittweise Umstellung auf eine elektrische Wärmeversorgung, ohne dass das Gebäude zuvor vollständig energetisch saniert werden muss. Gleichzeitig sind die Investitionskosten für die Wärmeerzeugungsanlage deutlich geringer als bei einer rein auf Wärmepumpen basierenden Lösung. Hinzu kommt die hohe Flexibilität: Mit fortschreitender Gebäudesanierung und steigender Energieeffizienz kann die Wärmeerzeugungsleistung bedarfsgerecht angepasst werden. So wird vermieden, dass eine überdimensionierte Wärmepumpe dauerhaft im Teillastbetrieb arbeitet, was Effizienz und Lebensdauer beeinträchtigen kann. Die Hybrid-Lösung schafft damit Planungssicherheit und finanziellen Spielraum für weitere Sanierungsmaßnahmen – und ermöglicht eine wirtschaftliche, schrittweise Umsetzung der Wärmewende. Flexibilität in der Spitze. „Aufgrund dieser Vorteile eignen sich hybride Systeme besonders dort, wo eine vollständige Wärmedämmung oder der Einbau von Flächenheizungen wirtschaftlich oder technisch nicht umsetzbar ist“, erklärt Andy Völschow, Leiter Kunden- und Quartierslösungen bei den WSW. Ein weiterer Nutzen Hybrid- und bivalent-paralleler Systeme zeigt sich im Betrieb. Sie entlasten das Stromnetz, wenn die lokale Netzkapazität begrenzt ist. Durch intelligentes Lastmanagement, die zeitliche Steuerung des Wärmepumpenbetriebs und das Zuschalten eines Zusatzkessels in Zeiten hoher Wärmenachfrage lassen sich elektrische Lastspitzen wirksam reduzieren. Auf diese Weise erleichtern hybride Konzepte die Integration einer großen Zahl von Wärmepumpen in bestehende Verteilnetze. Der Ausbau der Stromnetze kann so Schritt für Schritt mit der Transformation der Wärmeversorgung mithalten.

GEMEINSCHAFT › „Was hier entstanden ist, ist mehr als eine technische Lösung – es ist ein starkes Zeichen für gelebte Energiewende. Gemeinsam haben gwg und WSW in den Bestandsgebäuden ein modernes, zukunftsweisendes Wärmekonzept umgesetzt, das Klimaschutz und Versorgungssicherheit intelligent verbindet.“ MARKUS HILKENBACH, WSW-VORSTANDSVORSITZENDER 28 › stadt und quartier Die Wärmewende wird im Bestand entschieden. Der Gebäudesektor verursacht einen erheblichen Anteil des Energieverbrauchs und der Treibhausgasemissionen – EUweit rund 35 bis 42 Prozent. Die Wärmewende ist daher ein zentraler Baustein der Energiewende. Mit rund 5.600 Wohnungen gehört die gwg wuppertal zu den größten Wohnungsbestandshalterinnen der Stadt und trägt eine besondere Verantwortung für eine nachhaltige Entwicklung des Gebäudebestands. Entsprechend richtet sie ihren Fokus konsequent auf eine klimafreundliche und zukunftsfähige Wärmeversorgung. Mit der planmäßigen Umsetzung des Projekts „300toZero“ hat die gwg einen wichtigen Meilenstein auf ihrem Klimapfad erreicht. Gleichzeitig zeigt das Projekt, wie sich die Wärmewende im Wohnungsbestand praxisnah, wirtschaftlich und sozial verträglich umsetzen lässt. Einblick in die Zukunft. Bereits 2026 sollen rund 100 weitere Wohneinheiten in zwei Quartieren auf eine klimafreundlichere Wärmeversorgung umgestellt werden. Zudem betreiben die WSW neben dem zentralen Fernwärmenetz Nah- und Quartiersnetze, bei denen mehrere Gebäude über eine gemeinsame Erzeugungsanlage mit Wärme versorgt werden. Statt jedes Gebäude einzeln auszustatten, wird die Wärme zentral erzeugt und über ein Wärmenetz verteilt. Gerade in dicht bebauten Quartieren bietet dieses Konzept große Vorteile. Wo Platz für zahlreiche Außengeräte fehlt oder diese aus städtebaulichen Gründen nicht gewünscht sind, kann eine zentrale Wärmepumpenanlage mehrere Gebäude effizient versorgen. Das spart Fläche, erleichtert die Integration in bestehende Quartiere und schafft wirtschaftliche Lösungen für den Gebäudebestand. Für die Projektpartner steht fest: Die Wärmewende gelingt durch eine Kombination aus Modernisierung und intelligentem Systemwechsel. Gerade im Gebäudebestand sind pragmatische, wirtschaftliche und skalierbare Lösungen der Schlüssel zum Erfolg. Denn die Wärmewende braucht nicht die perfekte Lösung – sondern Lösungen, die heute funktionieren und morgen weiterentwickelt werden können.

29 Neue Wärmeversorgung im gwg-Quartier Nibelungenstraße.

Mobilitätsgesellschaft. GEMEINSCHAFT › Wie wollen wir wohnen, leben – und uns in der Stadt fortbewegen? Fragen, die wir uns als gwg wuppertal kontinuierlich stellen und bei den Planungen für unseren Bestand berücksichtigen. Wir verstehen Mobilität als zentralen Baustein lebenswerter Quartiere. Dabei orientieren wir uns an der Idee der Stadt der kurzen Wege – und den Ergebnissen unserer Quartiersbefragungen zum tatsächlichen Bedarf und Verhalten unserer Mieter:innen: Wie ist das Interesse an Carsharing, E-Mobilität oder Fahrradgaragen, aber auch Barrierefreiheit und ÖPNV-Anbindung? Dabei kennen wir das klassische „Henne-Ei-Problem“: Angebote werden oft erst genutzt, wenn sie da sind. Dennoch entsteht Infrastruktur bei uns nicht „blind auf Verdacht“. Denn Mobilität beginnt und endet nicht an unserer Quartiersgrenze – wir denken sie immer im größeren Kontext. Welche Angebote im Umfeld sind bereits vorhanden und nutzbar? Was brauchen und nutzen die Menschen tatsächlich? Und wo können wir Impulse und Synergien schaffen oder kooperativ andocken? Apropos: Beim Carsharing haben wir eine Partnerschaft mit Cambio – zum Vorteil unserer Mieter:innen und Mitarbeitenden. Leihstationen betreiben wir u. a. am Kleeblatt, am Heinrich-Bammel-Weg und an der Ecke Wiesenstraße/Höchsten, weitere folgen. Cambio baut seinen E-Auto-Anteil kontinuierlich aus. Und auch wir stehen zunehmend unter Strom: In unseren Quartieren stellen wir Ladestationen bereit oder haben die Infrastruktur vorgerüstet. Unser Fuhrpark wird seit 2021 elektrifiziert – aktuell acht E-Autos, vier Plug-in- und zwei MildHybride; noch in diesem Jahr ersetzen vollelektrische Wagen mindestens zwei Plug-in-Hybride. Mitarbeitende unterstützen wir mit Zuschüssen für E-Bikes und Carsharing. An unserer Geschäftsstelle in der Hoeftstraße stehen Ladestationen für Team und Quartier bereit. Wer lieber Zweirad fährt, findet sichere Abstellmöglichkeiten in unseren Fahrradgaragen: Auf dem Sedansberg betreiben wir gemeinsam mit dem Wuppertaler Bau- und Sparverein eine E-Bike-Garage mit Dachbegrünung – direkt aus einer Quartiersbefragung entstanden. Das heidter carré beherbergt drei Garagen mit je zwölf Stellplätzen und E-Lademöglichkeiten, eine davon auch für externe Nutzer:innen. Im Quartier Mirke sind wir am Mobilitäts-Hub des Forschungsprojekts „MiQ – Mobilstationen im Quartier“ beteiligt: mit Ladesäulen, Cambio-Stellplätzen, einer E-Bike-Garage und Platz für Lastenräder. Stichwort Forschung: Wir unterstützen koop.mobil der Neuen Effizienz – ein Projekt, das Mobilitätslösungen im Bergischen Städtedreieck systematisch bündelt und kooperativ weiterentwickelt. Last, but not least die Letzte Meile: Im ersten sanierten Punktbau des Wohnparks Schellenbeck sind Paketboxen direkt in die Klingel- und Briefkastenanlage integriert – kompatibel mit verschiedenen Versanddiensten. 30 › stadt und quartier

31 Fahrradgarage im Quartier Sedansberg.

32 Nicht an den Menschen vorbeiplanen. PROF. ELKE PAHL-WEBER ARCHITEKTIN, STADTPLANERIN WEITBLICK › › stadt und quartier

33 Bildunterschrift dolo quos volene debit lab ipsam qui dolent repudametus moditibus assita.

34 Frau Prof. Pahl-Weber, die Urbanisierung ist ungebrochen. Was treibt das an? Der Urbanisierungsprozess hat eine lange Geschichte, er ist eng verbunden mit der Arbeit in allen Sektoren. Im Kern geht es um die Vereinbarkeit von Erwerbs- und Reproduktionsarbeit. In ländlichen Räumen fehlen Nahversorgung, Kinderbetreuung, ärztliche Versorgung. Gleichzeitig sehen wir eine zunehmende Vereinsamung und Anonymität in den Städten, zumal Institutionen wie die Kirchen ihre Funktion als soziale Ankerpunkte verlieren – ohne adäquaten Ersatz. Die Sehnsucht nach echter Nachbarschaft, Gemeinschaft und nach Halt steigt. Ist das Quartier die Antwort darauf? Das Quartier gibt es nicht. Jedes Quartier ist anders, individuell. Quartiere sind selbst keine Verwaltungseinheiten. Innerhalb solcher bilden sie sich als kleinere Entitäten heraus. Sie sind eine Art nachbarschaftliche Identität. Als solche sind sie im besten Falle gemeinschaftsstiftend und fungieren sogar als Nachbarschaftshilfe. Ein Quartier ist ein Nukleus, in dem Vertrauen entstehen › stadt und quartier kann und sogar demokratische Strukturen gestärkt werden können. Insofern können sie einen wichtigen Beitrag zur Stabilisierung unserer Gesellschaft leisten. Ein Quartier ist eine Art bürgerliche Gesellschaft, mit der kommunale Stadtentwicklung und Wohnungsbauunternehmen gut kooperieren können. Was kennzeichnet ein gutes Quartier? Fußläufige Nahversorgung, Grünflächen und Bäume, Altersdurchmischung, Mischnutzung. Das Thema Mobilität wirkt sich ebenfalls deutlich auf die Qualität eines Quartiers aus, ist jedoch einer der größten Konfliktpunkte, der mit unterschiedlichen Bedürfnissen einhergeht: Personen, die ihre Wegeketten nur mit dem Auto bewältigen können, und ältere Menschen, die direkt vor der Tür parken möchten – Raumverlust durch parkende Pkw, CO2-Emissionen, Lärm und Sicherheit andererseits. Das muss je nach Einzelfall betrachtet werden, braucht aber grundsätzlich den weiten Blick, um smarte Lösungen für die Reduzierung der Pkw-Nutzung zu erarbeiten. Hier können auch Services wie z. B. Lieferangebote eine Rolle spielen, wenn sie überzeugen. Entscheidend ist, was aus der Perspektive der Menschen im Quartier wirklich gebraucht wird. Damit wären wir beim Thema Quartiersentwicklung … Jede Intervention ist hochsensibel. Man muss sich gut überlegen, an welchen Standorten man wie ansetzt. Es ist essenziell, bei allen Planungen und Maßnahmen danach zu fragen, was tatsächlich in einem Quartier gebraucht wird, und dazu in den Dialog mit den Menschen vor Ort zu gehen. Sie sind Experten ihres Quartiers – Planungen dürfen nicht an ihnen vorbeigehen. Es ist wie in der Produktentwicklung: Wenn am Anfang keine intensive Bedarfsforschung steht, dann entwickelt man das falsche Produkt. Im schlimmsten Fall ist das Ergebnis die Überforderung eines Quartiers. Das betrifft vor allem große – oft ohnehin problembehaftete – Einheiten. Werden nun noch weitere 300 Wohnungen integriert, kann dies die Missstände verschärfen. Insofern sehe ich neues Wohnen im Bestand, große Neubauprojekte oder auch Sanierungenohne enge Beteiligung der Bewohner:innen eines Quartiers kritisch. Prof. Elke Pahl-Weber beleuchtet in unserem Interview gute Quartiere und die wichtigsten Aspekte einer gelingenden Quartiersentwicklung. WEITBLICK ›

35 Wie sieht eine gute Beteiligung aus? Wie kann man die Menschen für den Dialog überhaupt gewinnen? Trotz der Dringlichkeit im Wohnungsmarkt reicht das Minimum der baugesetzlichen Beteiligung nicht. Der Dialog- und Kooperationsprozess sollte die Menschen wirklich auf Augenhöhe als Partner akzeptieren. Wir haben im Rahmen eines Projekts einzelne Schlüsselpersonen angesprochen, die wiederum andere Bewohner für den Dialog gewonnen haben. An der TU Berlin haben wir die aus der Produktentwicklung bekannte Design-Thinking-Methode auf Fragestellungen der Stadtplanung übertragen und das Modell des UrbanDesign-Thinking entwickelt, mit dem Ziel, durch kreative Kokreation maßgeschneiderte Lösungen für Planungsfragen zu erzielen. Dabei starten wir immer mit der eingangs erwähnten Frage: Was brauchen wir? Der zweite Schritt: Können wir uns auf einen gemeinsamen Point of View einigen, und welcher ist das? Dieses Prinzip wird heruntergebrochen bis zu ganz konkreten Themen, bis man sich einig ist. Dann wird der Lösungsraum aufgemacht und Lösungen mit ihren Vor- und Nachteilen werden diskutiert. Das bringt Menschen zusammen und es kommen dabei echte neue Ideen heraus. Ein fundierter Kokreationsprozess fungiert wie eine Anschubinvestition zur Erleichterung nachfolgender Prozesse. In den Quartieren fehlt Wohnraum, die Innenstädte kämpfen mit Leerstand. Innenstädte brauchen eine andere Strategie als Quartiere. Die Innenstadt muss immer eine Überschussbedeutung haben – vor allem hinsichtlich Kultur, Bildung, Begegnung. Nutzungsmischung im Quartier ist ein anderes Thema: Dort geht es um Servicestandorte, Homeoffice-Infrastruktur, Nahversorgung. Die Arbeitswelt verändert sich – das verändert auch, was Quartiere leisten müssen. Ich sehe Wohnen als Grundrecht. Ohne öffentliche Förderung geht es zumindest derzeit nicht – gerade weil wir in einer Umbruchphase sind und experimentieren müssen: Standards verlassen, einfacher bauen. Hier gilt der Spruch: Das Bessere ist der Feind des Guten. Vielen Dank für das interessante Gespräch. Über Prof. Elke Pahl-Weber Elke Pahl-Weber ist Architektin, Stadtplanerin und Hochschullehrerin im Ruhestand. Zuletzt war sie Innenstadt-Koordinatorin für die Stadt Hamburg sowie Professorin für Bestandsentwicklung und Erneuerung von Siedlungseinheiten am Institut für Stadt- und Regionalplanung der TU Berlin. Zu ihren Schwerpunktthemen gehören Megastädte, energieeffiziente urbane Strukturen sowie integrierte und nachhaltige Stadtentwicklung. Außerdem forscht sie zum Thema Smart Cities und berät national und international Kommunen.

36 › stadt & quartier Zuhause als Wirtschaftspolitik. WEITBLICK › Modernisierung ist stets beides: Herausforderungs- und Möglichkeitsraum. Das gilt für die Umsetzung der Energie- und Wärmewende in Bestandsquartieren in besonderem Maße. Für kommunale Wohnungsbauunternehmen bietet sie bei allen Herausforderungen die Chance, für ihre Bewohner:innen einen lebenswerten, zukunftssicheren Lebensraum zu gestalten und sich gleichzeitig unabhängig von fossilen Energien und steigenden bzw. schwankenden Kosten zu machen. Der Blick auf aktuelle globale Krisen und geopolitische Spannungen zeigt, wie verwundbar wir noch immer durch unsere Abhängigkeit von fossilen Energien sind und wie wichtig es ist, diese Abhängigkeit zu reduzieren. Der Gebäudesektor und insbesondere der Gebäudebestand spielen dabei eine zentrale Rolle, denn ca. 90 Prozent aller Gebäude in Nordrhein-Westfalen sind Bestandsgebäude. Der Modernisierung dieser Gebäude kommt daher eine Schlüsselrolle zu. Die Transformation des Gebäudebestands ist ein zentraler Baustein für wirtschaftliche Resilienz, Versorgungssicherheit, gesellschaftliche Stabilität und das Erreichen der Klimaziele. Sanierungen und der Ausbau der erneuerbaren Wärme müssen dabei Hand in Hand gehen. Jedes Bestandsquartier hat seine eigenen Besonderheiten in Bezug auf die Umsetzung energetischer Gebäudestandards, den Einsatz erneuerbarer Wärmeerzeuger und die sozialen Strukturen. Die Wohnungsbauunternehmen stehen vor der komplexen Aufgabe, Lebensräume für ihre Mieter:innen so zu gestalten, dass sie den Herausforderungen der Zukunft gewachsen sind und gleichzeitig den jeweiligen Bedürfnissen der Menschen gerecht werden. Das macht deutlich, wo die Energie- und Wärmewende konkret wird: dort, wo die Menschen leben – in unseren Städten, Gemeinden und Quartieren. Die herausragende Rolle der kommunalen Wohnungsbauunternehmen wird mit Blick auf ihren sozialen Auftrag deutlich. Sie agieren als Quartiersentwickler und Moderatoren zwischen Politik, Energieversorgern und der Mieterschaft. Hierbei gilt es, alle Aspekte so zu verzahnen, dass neben gesetzlichen Anforderungen auch die technischen Möglichkeiten und die sozialen Komponenten gleichermaßen berücksichtigt werden. Mit dem Wärmeplanungsgesetz und energetischen Vorgaben an die Gebäude und die Wärmeerzeugung geben wir als Landesregierung den politischen Rahmen vor. Landeseigene Förderprogramme wie progres.nrw und unsere Auszeichnungsprojekte wie das Projekt „KlimaQuartier.NRW“ bieten zusätzliche Unterstützung und Planungssicherheit für kommunale Wohnungsunternehmen und private Investor:innen. Zahlreiche Projekte zeigen schon heute, wie die Transformation gelingen kann. Die kommunalen Wohnungsbauunternehmen gehen dabei mit gutem Beispiel voran. Dies zeigt sich vorbildlich an dem vom Land Nordrhein-Westfalen als „KlimaQuartier.NRW“ und für die besondere städtebauliche Qualität zusätzlich als „KlimaQuartier.NRWplus“ ausgezeichneten Projekt Wohnpark Schellenbeck. Die gwg wuppertal hat an diesem Projekt gezeigt, wie die Energie- und Wärmewende unter Berücksichtigung aller regulatorischen Aspekte und innovativer Beteiligungsformate für Mieter:innen vorbildlich gelingen kann. Solche erfolgreichen Projekte und die engagierte Arbeit der kommunalen Wohnungsbauunternehmer sind die besten Zuversichtsspeicher für das weitere Gelingen der Energie- und Wärmewende. Gastbeitrag, Mona Neubaur, MdL, Ministerin für Wirtschaft, Industrie, Klimaschutz und Energie des Landes NordrheinWestfalen. MONA NEUBAUR NRW-WIRTSCHAFTSMINISTERIN

Wärmewende in Bestandsquartieren – eine anspruchsvolle, eine lohnenswerte Aufgabe. Wirtschaftsministerin Mona Neubaur zeichnet den Wohnpark Schellenbeck als KlimaQuartier.NRW mit dem Siegel „Städtebauplus“ aus . 37

WEITBLICK › Heimat für alle bauen. Oliver Zier erhält den Förderbescheid für den Wohnpark Schellenbeck. 38 › stadt und quartier

39 In Nordrhein-Westfalen arbeiten wir an den Städten von morgen. Klimaneutrale Quartiere, Wohnraum für jeden Geldbeutel, nachhaltige Mobilität und lebendige Innenstädte. Wir sehen familiengerechte Wohnorte, wo mittendrin Senior:innen selbstbestimmt leben können und auch Singles eine passende Bleibe finden. Und Nordrhein-Westfalen steht mit seiner Landesinitiative Go4Bauland für die Transformation von Flächen im Bestand. Vieles ist schon da, wir müssen es nur sehen und ergreifen: ehemalige Industrieareale, untergenutzte große Immobilien, leer stehende Gewerbekomplexe. Diese Orte bieten Chancen für Wohnen, Arbeiten und Begegnung. Die kluge Transformation bestehender Strukturen löst viele Aufgaben gleichermaßen: Ressourcenschutz, Klimaanpassung und Identitätsstiftung über bauliche Strukturen. Aber eines ist klar: Die Politik setzt Rahmenbedingungen, für die Realisierung brauchen wir starke Partner wie die gwg wuppertal. Sie setzt mit dem „Wohnpark Schellenbeck“ ein starkes Signal für modernes, bezahlbares und klimagerechtes Wohnen. Durch den Einsatz von insgesamt 13,2 Millionen Euro aus der öffentlichen Wohnraumförderung gelingt es, die notwendige Modernisierung wirtschaftlich und für die Mieter:innen bezahlbar durchzuführen. Und ich bin sicher: Auch in Zukunft wird die gwg wuppertal ein verlässlicher Partner auf dem Weg zu den Quartieren von morgen sein. Gastbeitrag, Ina Scharrenbach, MdL, Ministerin für Heimat, Kommunales, Bau und Digitalisierung des Landes Nordrhein-Westfalen. Was uns den Weg zu diesem Ziel steinig und beschwerlich macht, sind steigende Baukosten, höhere Zinsen, bürokratische Hürden, Investitionszurückhaltung und zu wenig Bauland. Das alles mag uns aufhalten, aber keinesfalls von unserem Weg abhalten. Im Gepäck haben wir die öffentliche Wohnraumförderung. Im Jahr 2025 konnten wir ein historisches Rekordergebnis erzielen, mit rund 2,4 Milliarden Euro Fördervolumen für 13.356 Wohnungen. Das war so viel wie nie zuvor für die Schaffung und Sicherung von Wohnraum für Menschen mit geringem Einkommen. Das war ein großer Schritt. Hier ist der nächste: Die Erhöhung des mehrjährigen Wohnraumförderprogramms 2023 bis 2027 um 1,5 Milliarden auf 12 Milliarden Euro wird uns viele weitere Etappen voranbringen. Gleichzeitig reißen wir bürokratische Hürden nieder. Denn wir stehen für einen Paradigmenwechsel bei Bauvorhaben im Gebäudebestand. Daher hat die Landesregierung einen Entwurf zur Änderung der Landesbauordnung in den Landtag eingebracht – den BauCode NRW. Dadurch werden bau- ordnungsrechtliche Vorschriften, die Verzögerungen und Verteuerungen im Bau zur Folge haben, drastisch reduziert. Wir können dadurch viel schneller bauen. INA SCHARRENBACH NRW-BAUMINISTERIN

40 From Grey to Gold. Was einst die bauliche Antwort auf den Wohnungsmangel der Nachkriegszeit war – funktional, effizient, schnell – fühlt sich heute oft als „Bonjour Tristesse“ der Stadtrandlage an: grauer Beton, monofunktionale Strukturen. › stadt und quartier WEITBLICK › Der Wohnpark Schellenbeck in der Wuppertaler Agnes-Miegel-Straße ist ein typisches Beispiel des Städtebaus der 1960er-/70er-Jahre – solitäre Hochgeschosser, dreigeschossige Riegelbauten. Verglichen mit ähnlichen Typologien dieser Zeit besitzen die Gebäude eine überdurchschnittlich gute architektonische Qualität. In exponierter Lage, eingebettet in großzügige Grünflächen und gewachsenen Baumbestand, ist es ein Quartier mit echtem Potenzial – und unübersehbarem Handlungsbedarf: Die Balkonstrukturen der Punktbauten weisen erhebliche Betonschäden auf, Bäder und Eingangsbereiche verlangen nach Überarbeitung. Die notwendige Sanierung bot uns als Generalplaner mit der Stadtbildplanung Dortmund die Chance, aus einer technisch notwendigen Maßnahme heraus einen umfassenden Entwurf zur klimaneutralen Transformation des Quartiers – und zugleich eine übertragbare Modernisierungsstrategie für die gwg wuppertal – zu erarbeiten. Angesichts des angespannten Wohnungsmarkts und der Dringlichkeit des Klimawandels reichen bisherige Strategien zur Überführung von Siedlungsstrukturen des 20. ins 21. Jahrhundert nicht mehr aus. „Grey to Gold“ ist unsere Antwort – eine werteorientierte Entwurfsphilosophie. Die „graue Energie“, die für den Bau jener Architektursubstanz aufgewendet wurde, verwandeln wir durch ihre Regeneration in goldene. „Grey to Gold“ umfasst ein erweitertes System von Planungskriterien. Das Konzept denkt Quartiere als lokale zusammenhängende Ökosysteme – Gebäude, Freiraum, Infrastruktur und soziales Leben. Die Monofunktion Wohnen wird um Arbeit, Handel und Mobilitätsservice erweitert. Neben Standort und Mietpreis bestimmen heute vor allem Klimafreundlichkeit, Grünanlagen und Mobilität den Wohnwert. Leitsatz für die klimaneutrale Anpassung von Bestandswohngebäuden ist daher, dass neben der Kostenbewertung die Emissionsbilanz das entscheidende Kriterium ist. Für den Wohnpark Schellenbeck sehen wir eine Transformation auf mehreren Ebenen vor – einem narrativen positiven Gestaltungskonzept folgend, das energetische und visuelle Aufwertung verbindet und dabei die Bausubstanz erhält. Alle Baustoffe und Komponenten werden nach Emissionsbilanz, Kreislauffähigkeit und ästhetischer Integrierbarkeit ausgewählt. Die Hochgeschosser erhalten nach dem Rückbau der alten umlaufenden Balkone neue, barrierearme Anbauten mit drei Metern Tiefe und verschiebbaren Glasfronten als thermische Raumzone. Dies löst die strukturelle Balkonproblematik, zahlt auf die energetische Fassadensanierung ein und schafft eine großzügige räumliche Erweiterung der Wohnflächen. Für die Riegelbauten sind Dachaufstockungen in Holzmodulbauweise mit Dachgärten denkbar. Ergänzt wird das Ensemble durch ein auf altem Bestand aufbauendes neues Quartiers-Servicegebäude – mit Raum für Micro-Apartments, Mobilitätsservices oder lokale Versorgung. Mit der neuen Freiraumgestaltung unter dem Arbeitstitel „Quartiersgärten Bergisches Land“ – ein Bezug zur städtebaulichen Nachbarschaft aus großen Schrebergartenanlagen und Naturlandschaft – soll ein ökosozialer Rahmen entstehen: moderierte Mietergärten zur Selbstversorgung, UrbanGardening-Module, ergänzt durch ein intelligentes Wassermanagement. „Grey to Gold“ bündelt komplexe Planungsaufgaben einer Bestandsmodernisierung mit der klaren Vision von zukunftsfähigem, bezahlbarem und lebenswertem Wohnraum mit frischem Flair, der identitätsstiftend wirkt. Der Wohnpark Schellenbeck soll ein Ort sein, wo man gerne lebt. ANDREAS GEORG HANKE ARCHITEKT

RkJQdWJsaXNoZXIy NjAxNTI=