40 From Grey to Gold. Was einst die bauliche Antwort auf den Wohnungsmangel der Nachkriegszeit war – funktional, effizient, schnell – fühlt sich heute oft als „Bonjour Tristesse“ der Stadtrandlage an: grauer Beton, monofunktionale Strukturen. › stadt und quartier WEITBLICK › Der Wohnpark Schellenbeck in der Wuppertaler Agnes-Miegel-Straße ist ein typisches Beispiel des Städtebaus der 1960er-/70er-Jahre – solitäre Hochgeschosser, dreigeschossige Riegelbauten. Verglichen mit ähnlichen Typologien dieser Zeit besitzen die Gebäude eine überdurchschnittlich gute architektonische Qualität. In exponierter Lage, eingebettet in großzügige Grünflächen und gewachsenen Baumbestand, ist es ein Quartier mit echtem Potenzial – und unübersehbarem Handlungsbedarf: Die Balkonstrukturen der Punktbauten weisen erhebliche Betonschäden auf, Bäder und Eingangsbereiche verlangen nach Überarbeitung. Die notwendige Sanierung bot uns als Generalplaner mit der Stadtbildplanung Dortmund die Chance, aus einer technisch notwendigen Maßnahme heraus einen umfassenden Entwurf zur klimaneutralen Transformation des Quartiers – und zugleich eine übertragbare Modernisierungsstrategie für die gwg wuppertal – zu erarbeiten. Angesichts des angespannten Wohnungsmarkts und der Dringlichkeit des Klimawandels reichen bisherige Strategien zur Überführung von Siedlungsstrukturen des 20. ins 21. Jahrhundert nicht mehr aus. „Grey to Gold“ ist unsere Antwort – eine werteorientierte Entwurfsphilosophie. Die „graue Energie“, die für den Bau jener Architektursubstanz aufgewendet wurde, verwandeln wir durch ihre Regeneration in goldene. „Grey to Gold“ umfasst ein erweitertes System von Planungskriterien. Das Konzept denkt Quartiere als lokale zusammenhängende Ökosysteme – Gebäude, Freiraum, Infrastruktur und soziales Leben. Die Monofunktion Wohnen wird um Arbeit, Handel und Mobilitätsservice erweitert. Neben Standort und Mietpreis bestimmen heute vor allem Klimafreundlichkeit, Grünanlagen und Mobilität den Wohnwert. Leitsatz für die klimaneutrale Anpassung von Bestandswohngebäuden ist daher, dass neben der Kostenbewertung die Emissionsbilanz das entscheidende Kriterium ist. Für den Wohnpark Schellenbeck sehen wir eine Transformation auf mehreren Ebenen vor – einem narrativen positiven Gestaltungskonzept folgend, das energetische und visuelle Aufwertung verbindet und dabei die Bausubstanz erhält. Alle Baustoffe und Komponenten werden nach Emissionsbilanz, Kreislauffähigkeit und ästhetischer Integrierbarkeit ausgewählt. Die Hochgeschosser erhalten nach dem Rückbau der alten umlaufenden Balkone neue, barrierearme Anbauten mit drei Metern Tiefe und verschiebbaren Glasfronten als thermische Raumzone. Dies löst die strukturelle Balkonproblematik, zahlt auf die energetische Fassadensanierung ein und schafft eine großzügige räumliche Erweiterung der Wohnflächen. Für die Riegelbauten sind Dachaufstockungen in Holzmodulbauweise mit Dachgärten denkbar. Ergänzt wird das Ensemble durch ein auf altem Bestand aufbauendes neues Quartiers-Servicegebäude – mit Raum für Micro-Apartments, Mobilitätsservices oder lokale Versorgung. Mit der neuen Freiraumgestaltung unter dem Arbeitstitel „Quartiersgärten Bergisches Land“ – ein Bezug zur städtebaulichen Nachbarschaft aus großen Schrebergartenanlagen und Naturlandschaft – soll ein ökosozialer Rahmen entstehen: moderierte Mietergärten zur Selbstversorgung, UrbanGardening-Module, ergänzt durch ein intelligentes Wassermanagement. „Grey to Gold“ bündelt komplexe Planungsaufgaben einer Bestandsmodernisierung mit der klaren Vision von zukunftsfähigem, bezahlbarem und lebenswertem Wohnraum mit frischem Flair, der identitätsstiftend wirkt. Der Wohnpark Schellenbeck soll ein Ort sein, wo man gerne lebt. ANDREAS GEORG HANKE ARCHITEKT
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