Unternehmensbericht 25/26

34 Frau Prof. Pahl-Weber, die Urbanisierung ist ungebrochen. Was treibt das an? Der Urbanisierungsprozess hat eine lange Geschichte, er ist eng verbunden mit der Arbeit in allen Sektoren. Im Kern geht es um die Vereinbarkeit von Erwerbs- und Reproduktionsarbeit. In ländlichen Räumen fehlen Nahversorgung, Kinderbetreuung, ärztliche Versorgung. Gleichzeitig sehen wir eine zunehmende Vereinsamung und Anonymität in den Städten, zumal Institutionen wie die Kirchen ihre Funktion als soziale Ankerpunkte verlieren – ohne adäquaten Ersatz. Die Sehnsucht nach echter Nachbarschaft, Gemeinschaft und nach Halt steigt. Ist das Quartier die Antwort darauf? Das Quartier gibt es nicht. Jedes Quartier ist anders, individuell. Quartiere sind selbst keine Verwaltungseinheiten. Innerhalb solcher bilden sie sich als kleinere Entitäten heraus. Sie sind eine Art nachbarschaftliche Identität. Als solche sind sie im besten Falle gemeinschaftsstiftend und fungieren sogar als Nachbarschaftshilfe. Ein Quartier ist ein Nukleus, in dem Vertrauen entstehen › stadt und quartier kann und sogar demokratische Strukturen gestärkt werden können. Insofern können sie einen wichtigen Beitrag zur Stabilisierung unserer Gesellschaft leisten. Ein Quartier ist eine Art bürgerliche Gesellschaft, mit der kommunale Stadtentwicklung und Wohnungsbauunternehmen gut kooperieren können. Was kennzeichnet ein gutes Quartier? Fußläufige Nahversorgung, Grünflächen und Bäume, Altersdurchmischung, Mischnutzung. Das Thema Mobilität wirkt sich ebenfalls deutlich auf die Qualität eines Quartiers aus, ist jedoch einer der größten Konfliktpunkte, der mit unterschiedlichen Bedürfnissen einhergeht: Personen, die ihre Wegeketten nur mit dem Auto bewältigen können, und ältere Menschen, die direkt vor der Tür parken möchten – Raumverlust durch parkende Pkw, CO2-Emissionen, Lärm und Sicherheit andererseits. Das muss je nach Einzelfall betrachtet werden, braucht aber grundsätzlich den weiten Blick, um smarte Lösungen für die Reduzierung der Pkw-Nutzung zu erarbeiten. Hier können auch Services wie z. B. Lieferangebote eine Rolle spielen, wenn sie überzeugen. Entscheidend ist, was aus der Perspektive der Menschen im Quartier wirklich gebraucht wird. Damit wären wir beim Thema Quartiersentwicklung … Jede Intervention ist hochsensibel. Man muss sich gut überlegen, an welchen Standorten man wie ansetzt. Es ist essenziell, bei allen Planungen und Maßnahmen danach zu fragen, was tatsächlich in einem Quartier gebraucht wird, und dazu in den Dialog mit den Menschen vor Ort zu gehen. Sie sind Experten ihres Quartiers – Planungen dürfen nicht an ihnen vorbeigehen. Es ist wie in der Produktentwicklung: Wenn am Anfang keine intensive Bedarfsforschung steht, dann entwickelt man das falsche Produkt. Im schlimmsten Fall ist das Ergebnis die Überforderung eines Quartiers. Das betrifft vor allem große – oft ohnehin problembehaftete – Einheiten. Werden nun noch weitere 300 Wohnungen integriert, kann dies die Missstände verschärfen. Insofern sehe ich neues Wohnen im Bestand, große Neubauprojekte oder auch Sanierungenohne enge Beteiligung der Bewohner:innen eines Quartiers kritisch. Prof. Elke Pahl-Weber beleuchtet in unserem Interview gute Quartiere und die wichtigsten Aspekte einer gelingenden Quartiersentwicklung. WEITBLICK ›

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